SCHATZKAMMER SCHLOSS LICHTENWALDE
VON CHINA NACH EUROPA
SCHERENSCHNITTE AUS FÜNF JAHRHUNDERTEN
(Die Sammlung Johanne Müller)

Unter dem Namen „1. Deutsches Scherenschnitt-Museum“ wurde im April 2001 eine erste größere Ausstellung im Schloss Lichtenwalde der Öffentlichkeit übergeben. Die Exposition gründete sich auf die Sammlung von Johanne Müller (1910 bis 1992) aus Chemnitz, die seit den 1950er Jahren mit der Erforschung der Geschichte des Scherenschnittes beschäftigt war. Der Scherenschnittkünstlerin Christa Bachmann aus Limbach-Oberfrohna ist es zu verdanken, dass der von ihr verwahrte Nachlass Johanne Müllers vielen Menschen zugänglich gemacht wurde. Mit Unterstützung von Isolde Koksch, ehemals Leiterin des Museums für bergmännische Volkskunst in Schneeberg, und Mitgliedern des Deutschen Scherenschnittvereins e.V. konnte die Ausstellung schließlich in privater Trägerschaft eröffnet werden.
Ende 2001 ging sie in die Obhut des Freistaates Sachsen über. Von Anbeginn wurde die Sammlung kontinuierlich durch Schenkungen erweitert, die vor allem im Zusammenhang mit Sonderausstellungen ins Haus kamen. Seit 2010 präsentiert sich der Bereich neu gestaltet und nun als Teil des Gesamtmuseums.


RAUM 6
Papier aus dem fernen Osten

Als man im 17. Jahrhundert kostbare chinesische Porzellane in den europäischen Schlössern zur Aufstellung brachte, huldigte man einer uralten chinesischen Erfindung, die in Europa damals noch unbekannt war.
Eine Innovation von noch größerer Bedeutung war den Chinesen bereits um die Zeitenwende gelungen: die Herstellung von Papier. Es soll der chinesische Ackerbauminister Tsai-Lun gewesen sein, der um 105 u.Z. das Papier erfand, doch scheint er nur als Erster die Verfahrensweise beschrieben zu haben. Darauf deuten Papierfunde hin, die bereits aus der Han-Dynastie stammen (206 v.u.Z. - 220 u.Z.). Das erste chinesische Papier wurde aus Seidenabfällen bereitet, dem Lumpenreste und Bast des Maulbeerbaumes untergemischt waren. Fein zerstampft musste der Faserbrei noch gekocht und gewaschen werden, ehe man ihn mit Sieben abschöpfen, trocknen und glätten konnte. Die Verfahrensweise hat sich prinzipiell bis heute erhalten, wobei die Ausgangsrohstoffe variieren. Vermutlich gelangte das Wissen von China in die arabische Welt und von dort im 12. Jahrhundert nach Europa.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Papierschnitt in China erfunden. Ob er ebenso alt ist wie das Papier, steht nicht ganz fest. Die ältesten Funde stammen aus dem 5. Jahrhundert. Es sind gefaltet geschnittene Rossetten mit geometrischen Mustern, die damals als Grabbeigaben fungierten.
Neben ihrer Bedeutung für den Totenkult erfüllten die Papierschnitte auch ganz weltliche Zwecke. Von jeher galt die Papierschnitt-Technik als Domäne der chinesischen Bäuerinnen, die damit ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellten. Das chinesische Wort für Scherenschnitt kann man mit Fensterblume übersetzen, denn früher bestanden die Fenster-„scheiben“ in China aus geöltem Papier, auf das man jedes Jahr neu kunstvolle Scherenschnitte – oft aus rotem Papier – klebte. Das Neujahrs- oder Frühlingsfest war Anlass für diesen Brauch.
Die Papierschnitte fungierten als Dekorationen für Feste aller Bevölkerungsschichten, aber auch als Mustervorlagen für Stickereien, Leder- und Metallarbeiten sowie Lackgegenstände. Eine wichtige Rolle spielten sie im chinesischen Schattentheater.

Bringt man die Begriffe Papier und Japan zusammen, denkt man vor allem an die berühmten Falttechniken – Origami genannt. Weniger geläufig sind die kunstvoll und minutiös geschnittenen Schablonen, mit denen man Stoffe einzufärben pflegte. Katagami heißen diese Färbeschablonen, die heute von Sammlern weltweit gesucht sind. Bekannt ist die Technik seit dem 7. Jahrhundert. Die in Lichtenwalde gezeigten Katagami stammen aus der Edo-Periode (1603/15 -1868) und entstanden in der Gegend um Kyoto.
Nach der Öffnung Japans 1868 veränderte sich die Mode stark, so dass die Katagami an Bedeutung verloren.




















RAUM 7
Menschen im Profil

Mit den Ausgrabungen in Herculaneum, die seit 1748 die gebildeten Schichten Europas in Aufregung versetzten, ging eine beispiellose Antikenverehrung einher. Winckelmanns Schriften ließen die antiken Funde Allgemeingut werden. Schwarzfigurige Profildarstellungen auf griechischen Vasen und ausgegrabene Reliefs verstärkten das Interesse am menschlichen Profil und seiner Ausdruckskraft. „Edle Einfalt und stille Größe“ schienen aus den Schattenbildern zu sprechen. So fiel das berühmte Werk „Physiognomische Fragmente“ des Zürcher Gelehrten Lavater auf fruchtbaren Boden, nach dessen Theorie man in der Silhouette eines Menschen wie in einem offenen Buch lesen könne.
Mit größter Begeisterung begann man verstärkt Silhouetten zu radieren, zu tuschen und aus schwarzem Papier zu schneiden.
Der Begriff „Silhouette“ geht auf den französischen Generalkontrolleur der Finanzen, Etienne de Silhouette, zurück, der 1759 mit einem radikalen Sparkurs das französische Finanzsystem retten wollte.
Indessen wurde der Profilschnitt nicht in jener Zeit erfunden, wohl aber kultiviert und in ganz Europa ausgeübt.
































RAUM 8
Das 19. Jahrhundert

Die Anfänge des Scherenschnitts im deutschsprachigen Raum reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück, als man zunächst Darstellungen aus weißem Papier oder Pergament schnitt. In der Abgeschiedenheit von Klöstern entstanden ganz besonders viele dieser Arbeiten.
Die „Porträtierwut“ der Scherenschneider des 18. Jahrhunderts war im Raum 8 ausführlich dokumentiert, doch entwickelten sich daneben auch ornamentale oder szenische Darstellungen in großer Fülle. Besonders dann die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich für viele mit dem Begriff Biedermeier verbindet, sorgte für einen Aufschwung der kleinmeisterlichen Technik. In zahlreichen bürgerlichen Haushalten wurde der Scherenschnitt zur „Erbauung“ in Musestunden gepflegt, aber auch namhafte Künstler, Dichter und Philosophen griffen gelegentlich zu Schere und Messer.
Während die Ausbreitung der Fotografie ab 1839 für einen schrittweisen Rückgang der Porträtsilhouetten-Nachfrage sorgte, blieb der ornamentale und Genre-Scherenschnitt in seiner Beliebtheit erhalten. Vielfigurige Szenen standen hoch in der Gunst des Publikums.











RAUM 9
Das 19. Jahrhundert Teil 2

Die im 19. Jahrhundert beliebten Genreschnitte beflügelten eine ganz neue Gattung, nämlich den Illustrationsschnitt. Zunächst noch gar nicht für die Vervielfältigung in Büchern gedacht, wurde er aber bald dafür entdeckt. Und mit dem „Münchener Bilderbogen“ und ähnlichen Druckerzeugnissen entfaltete er ein regelrechtes Eigenleben.
Gegen Ende des Jahrhunderts hielt er mit Aufkommen des Jugendstils auch Einzug auf dem Gebiet der Postkarte und entwickelte sich in dieser Form zum regelrechten Sammelgegenstand. Allerdings entfernte sich der Scherenschnitt durch Vervielfältigung mittels Druck von seinem Unikatcharakter und von der eigentlichen Herstellungstechnik, weshalb wir diese Erscheinung im Rahmen unserer Ausstellung nicht näher verfolgen.
Das 19. Jahrhundert ging als Zeitalter der Industrialisierung in die Geschichte ein, sodass Bestrebungen nicht verwundern, durch Stanzen eine Vervielfältigung des Scherenschnitts erreichen zu wollen. Dem zarten Wesen des Scherenschnitts hat dies allerdings nie entsprochen.




RAUM 10
Aufbruch zu neuen Ufern

Mit dem Jugendstil kehrten um 1900 neue künstlerische Anschauungen auch auf dem Gebiet des Scherenschnitts ein. Besonders das Genre der Plakatkunst nahm zahlreiche Anleihen an den Schattenbildern. Zugleich begann eine Aufarbeitung des älteren Schaffens, was sich durch Besprechung in verschiedenen Publikationen wie z.B. dem „Kunstwart“ äußerte. Bis 1920 erschienen zahllose Veröffentlichungen zur Silhouettierkunst. Die neuen Strömungen von Kubismus, Expressionismus und Fauvismus wirkten auf die experimentierfreudigen Vertreter des Scherenschnitts ein, was sich bei einigen von ihnen in einer vollkommen neuen Sichtweise – wegführend vom Na-turalismus – zu äußern begann. Das Werk des Malers und Scherenschneiders Fritz Griebel ist dafür ein deutliches Beispiel.
Ein geistiger und künstlerischer Stillstand war in der Zeit des Dritten Reiches zu verzeichnen. Die kitschige und flache Ausdrucksweise vieler publizierter Papierarbeiten dieser Zeit haben leider nicht wenig zur Geringschätzung des Scherenschnitts beigetragen.
Erst nach 1950 konnte sich die Scherenschnittkunst wieder entfalten, wobei die Teilung Deutschlands zu unterschiedlichen Entwicklungen führte.











RAUM 11
Scherenschnitt in Sachsen

In einer in Sachsen beheimateten Ausstellung zum Scherenschnitt muss es erlaubt sein, sächsischen Vertretern dieser stillen Kleinkunst einen besonderen Platz einzuräumen. Allerdings erhebt die Präsentation keinen Anspruch auf Vollständigkeit und möchte ebensowenig Wertungen vornehmen. Vielmehr ergibt sich die Auswahl aus dem Bestand der Lichtenwalder Sammlung.
Berücksichtigt wurden nur Arbeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des neuen Jahrtausends.
Während in DDR-Zeiten staatliche Kultureinrichtungen die Scherenschneider als „Volkskünstler“ unterstützten, spielt sich das Geschehen heute in privatem Kreis ab und im gesamtdeutschen Kontext. Die Sächsische Landesstelle für erzgebirgische und vogtländische Volkskultur ermöglichte 1994 die Herausgabe einer umfangreichen Publikation zum Scherenschnitt in Sachsen, als deren Autorin Christa Bachmann verpflichtet werden konnte. Sie war es, welche die großartige Sammlung Johanne Müllers über Jahre behütete und schließlich für das Museum zur Verfügung stellte. Damit hat sich ein Kreis geschlossen.


   

   
   
       
           
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