SCHATZKAMMER SCHLOSS LICHTENWALDE
DEN GÖTTERN GANZ NAH
ALLTAG UND RELIGION IM HIMALAYA
(Die Sammlung Dr. Walter Frank / Teil 2)


Nach seinem Afrika-Aufenthalt reiste Walter A. Frank 1969 im Auftrag der Universität Köln nach Nepal.
Auch hier begann Frank zu sammeln und trug eine Kollektion aus ganz unterschiedlichen Belegstücken der Alltagskultur und Religionen in Nepal und Tibet zusammen. Es überwiegen Gebrauchsgegenstände und Kultobjekte, vor allem kleine Skulpturen des Hinduismus und Buddhismus.
Die Zerstörung tibetischer Kultur und die Vertreibung des Dalai Lama und ungezählter Tibeter aus ihrer Heimat beschäftigen die Welt seit Jahrzehnten. Jedes Belegstück tibetischer Kultur, das im Ausland erhalten und anderen Menschen zugänglich gemacht werden kann, ist ein Gewinn, denn zahllose Kunstwerke religiöser Natur wurden in Tibet zerstört; tausende Klöster geschlossen und niedergerissen.
Nepal, bis zum Jahr 2008 das höchst gelegene Königreich dieser Welt (dann Demokratische Bundesrepublik Nepal), ist die Geburtsstätte Buddhas, denn dessen Geburtsort Lumbini lag in der Nähe der Shakya-Hauptstadt Kapilavastu – die damals noch zu Indien gehörte. Die meisten Menschen Nepals sind Anhänger des Hinduismus, doch lässt man auch den Buddhismus mit erstaunlicher Toleranz gewähren. Das friedliche Nebeneinander der beiden Weltreligionen über Jahrhunderte ist einzigartig.


RAUM 31
Der Berg der Buddhas

Eisige Winde, riesige Bergketten und entlegene Täler – das in Zentralasien liegende Tibet zählt unter Europäern immer noch als eine der geheimnisvollsten Regionen der Welt. Zwar wird Tibet von China zunehmend touristisch vermarktet und die meisten der buddhistischen Klöster sind untergegangen, doch hat es sich seinen Zauber in den abgeschiedenen Regionen bewahren können. Mit einer durchschnittlichen Höhe von 4 500 Metern ist die tibetische Hochebene das höchstgelegene, besiedelte Plateau der Erde.
Da sich erst im 7. Jahrhundert eine Schrift in Tibet herausgebildet hat, liegt dessen Frühgeschichte weitgehend im Dunkel mythischer Überlieferungen. Vermutlich zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert entstanden in Tibet erste Kleinkönigreiche, bis es im 7. Jahrhundert zur Etablierung des tibetischen Großreiches kam. Tibet war über Jahrhunderte Zankapfel verschiedener Mächte. Auch innertibetische Kämpfe um die Vorherrschaft gehörten als ständige Begleiterscheinung dazu. Besonders schwer traf es die tibetische Kultur im 20. Jahrhundert, als 1949 rotchinesische Truppen in Tibet einfielen. Der nach Jahren der Unterdrückung im Frühjahr 1959 losgebrochene Aufstand der tibetischen Bevölkerung wurde blutig niedergeschlagen. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, musste nach Indien flüchten und durfte nie wieder tibetischen Boden betreten.
Trotz karg wirkender Landschaft gehört ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung dem Bauernstand an, da sich in den Flusstälern fruchtbare Böden finden. Hier wird vor allem Gerste angebaut. Das riesenhafte Yak gehört zu den bekanntesten Nutztieren Tibets. Große Herden dieser Tiere werden von Nomaden, die einen erheblichen Teil der Tibeter ausmachen, durch die Hochtäler getrieben. Die wärmende Wolle, die fettreiche Milch und der gut brennbare Dung des Yaks haben den Tibetern über Jahrhunderte das Überleben in einer rauen Landschaft gesichert. Aber auch ihre Religion – der Buddhismus – hat die tibetische Bevölkerung zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt. An diese Religiosität soll mit der Installation von 20 kleinen tibetischen Kultbronzen – Buddhas und Bodhisattvas – erinnert werden.


RAUM 32
Buddhismus in Tibet

In der Regierungszeit des tibetischen Königs Songtsen Gampo (ca. 627–649) kam es zur Ausbreitung des Buddhismus im tibetischen Großreich. Die für Tibet neue Religion setzte sich nicht ohne Widerstände der alten Priester durch, die der traditionellen Bön-Religion anhingen. Bis zum Jahr 775 sollte es deshalb dauern, dass ein erstes buddhistisches Kloster in Tibet entstand.
Unter der Herrschaft des Königs Langdharma (838–842) gewannen die Anhänger der alten Bön-Religion wieder die Oberhand und es begann eine Verfolgung der Buddhisten in Tibet. Erst nach der Ermordung des Königs und dem anschließend einsetzenden Zerfall des Großreiches fasste der Buddhismus festen Fuß auf dem „Dach der Welt“. Es entstanden vier Schulen des Vajrayana-Buddhismus mit ihren ganz eigenen, eben tibetischen Prägungen. Im 15. Jahrhundert setzte die Ahnenreihe der Dalai Lamas ein. In Lhasa, der Hauptstadt Tibets, begann der 5. Dalai Lama (1617–1682) im Jahr 1645 auf den Resten des von Songtsen Gampo errichteten Palastes mit dem Bau des Potala. Dieses gigantische Bauwerk diente den Dalai Lamas Jahrhunderte als Kloster und Amtssitz.
Auf den Laien wirkt der tibetische Buddhismus besonders mystisch, ja fast gespenstisch. Die Verwendung menschlicher Knochen bei den rituellen Handlungen und das grimmige Aussehen vieler Schutzgottheiten sind nur zwei Aspekte, die dem Uneingeweihten ein (falsches) Bild vermitteln, das so gar nicht mit dem sanften Wesen des Buddhismus zusammen gehen will. In Wirklichkeit dienen aber all die unheimlichen Ritualgegenstände und Bilder nur einem Ziel: der Überwindung der Einflüsse, die den Menschen auf dessen Weg zur Erleuchtung zu behindern suchen. Aus Nepal, das zu einem Durchzugsgebiet für den Buddhismus nach Tibet wurde, kamen besonders viele Künstler, die für tibetische Klöster arbeiteten.



















RAUM 33
Nepal: Shiva und Budhha

Als Walter A. Frank seine Sammlungsstücke zur Himalaya-Kultur ab 1970 zusammentrug, tat er das in Nepal. Nach Tibet zu reisen, war ihm aufgrund der damaligen politischen Situation natürlich verwehrt. Nepal fungierte als Handels- und Kulturpartner Tibets und als Durchzugsgebiet für den aus Indien kommenden Buddhismus. In zahlreichen Werkstätten des Kathmandu-Tales wurden vor allem von den Newari buddhistische Kultobjekte für den Gebrauch in Tibet gefertigt. In Nepal herrscht der Hinduismus vor, dessen Wurzeln ebenfalls in Indien liegen. Im Unterschied zum Buddhismus gibt es keine zentrale Institution und Autorität, denn zu viele verschiedene Strömungen dieser drittgrößten Religion der Welt laufen parallel einher. Von jeher gilt der Hinduismus in Nepal, wo er den Rang einer Staatsreligion einnimmt, als besonders tolerant. Er duldete den Buddhismus neben sich und assimilierte ihn sogar in gewisser Weise. So sieht man Buddha im Hinduismus als neunte Inkarnation Vishnus, als göttliche Verkörperung von Güte und Gnade. Im Verlauf der Zeit kam es also zu Vermischungen von Aspekten beider Religionen. Ihnen gemeinsam ist die Beeinflussung des gesamten Lebens der Menschen von früh bis spät, so dass Alltag und Religion nicht voneinander getrennt werden können. Es bot sich aufgrund der Sammlungsstruktur und den genannten kulturellen und religiösen Verflechtungen für uns an, Stücke aus Nepal und Tibet nebeneinander zu präsentieren.
Das bemerkenswerteste Ausstellungsstück dieses Raumes ist eine im 16. Jahrhundert in Nepal aus Kupfer getriebene Statue der hinduistischen Göttin Annapurna, der personifizierten Fülle und Nahrung. Mit einem großen Löffel teilt sie Reis an die Bedürftigen aus.





RAUM 34
Schmieden, schnitzen, malen

Viele der hier gezeigten Objekte stammen aus Nepal, einige wenige aus Tibet. Sie sollen einen kleinen Einblick in die kunsthandwerklichen Fertigkeiten der Schmiede, Gießer, Schnitzer, Instrumentenbauer und Thangkamaler des Himalaya geben.
Der nepalesische Schmuck ist legendär, obwohl er nur selten aus kostbaren Materialien im westlichen Sinne besteht. Es ist die Meisterschaft der Gürtler, die aus Messing-, Kupfer- und Silberblech feinste Treibarbeiten hervorbringt. Während zahlreiche Schmuckstücke weltliche Wünsche befriedigten, stand Schmuck auch und vor allem im Dienste der Religion. Der Schmuck einer Kumari ist ein solches Beispiel dafür. Hinduisten im nepalischen Kathmandutal glauben, dass die Göttin Durga (bzw. Taleju) sich stets neu inkarniert in einem kleinen Mädchen, das man anhand bestimmter Merkmale erkennt und daraufhin zur ‘lebenden Göttin’ Kumari bestimmt. Immer sind es Mädchen im Alter von vier bis fünf Jahren, die als Kumari erwählt und in einem Palast verehrt und angebetet werden. Tritt nach ein paar Jahren durch die Menstruation (oder schon vorher durch Verletzung) eine Blutung auf, erlischt der Göttinnenstatus und es wird eine neue Kumari gesucht. Jahrhunderte lang erbaten sich die Könige von Nepal von der Kumari den Segen, der zugleich die göttliche Legitimation ihres Königsamtes untermauern sollte. Es gab mehrere ‘lebende Göttinen’ in Nepal, doch ist die Kumari von Kathmandu die bekannteste unter ihnen.
Die Thangkamaler in Nepal und Tibet üben noch heute eine Maltechnik aus, deren Wurzeln viele Jahrhunderte zurückreichen. Thangkas sind Rollbilder, die nach festgelegten Regeln (Abmessungen, Proportionen, Dimensionen, Inhalte) entstehen, deren Beherrschung zum intellektuellen Wissen dazugehört wie auch Grammatik, Heilkunde, Astronomie oder Mathematik. Mit mineralischen und pflanzlichen Farben sowie Goldstaub werden die Bildmotive auf eine grundierte, dünne Leinwand aufgebracht, die nach ihrer Fertigstellung von einem breiten Textilrahmen eingefasst wird. Ein Seidentuch dient der Verhüllung des Bildes, wenn es nicht für Meditationszwecke gebraucht wird.

























RAUM 35
Buddhas und Bodhisattvas

Die Geburt des Raja-Sohnes Siddhartha Gautama aus dem Geschlecht der Shakya („Löwen“) sollte mehr als wundersam sein: in Form eines kleinen weißen Elefanten stieg er vom Himmel herab und trat in den Schoß seiner Mutter Maya ein. Zur Niederkunft trat Siddhartha aus der rechten Seite seiner Mutter aus, ohne dass sie einen Schmerz verspürte. Das Baby konnte schon gehen, vollzog sieben Schritte in jede der vier Himmelsrichtun-gen – wobei unter seinen Füßen Lotosblumen entsprangen.
Siddhartha Gautama entsagte später – obwohl er verheiratet und mit Reichtümern gesegnet war – diesem scheinbar sorglosen Leben. Mit 29 Jahren verließ er seine Familie und zog als mittel- und hausloser Wanderasket durch Indien. Nach vielen Fehlschlägen gelangte er durch lange, von bösen Geistern immer wieder gestörte, Meditation unter einem Pappelfeigenbaum bei Bodh-Gaya an seinem 35. Geburtstag zur Erleuchtung und damit zur Buddhaschaft. Danach begann er, seine Erkenntnisse predigend zu verbreiten und den Weg zur Erleuchtung zu weisen. Mit seiner ersten Predigt setzte er „das Rad der Lehre“ in Bewegung. Durch die Erleuchtung, so Buddhas Botschaft, gelingt es den Menschen, den Kreislauf ihrer Wiedergeburten zu durchbrechen und am Ende in das Nirwana einzugehen. Leben bedeutet Leid und Entbehrung, die erst mit der Erleuchtung ein Ende haben.

Siddharta Gautama hatte darauf verwiesen, dass er nicht der erste Buddha sei, sondern der Buddha des jetzigen Weltzeitalters. So kennt der Buddhismus weitere Buddhagestalten aus Vergangenheit und Zukunft. Auch Bodhisattvas spielen eine große Rolle, unter denen man bereits zur Erleuchtung gelangte spirituelle Wesen versteht, die aus Mitleid mit den Menschen auf ihren Eintritt ins Nirvana verzichten und stattdessen die Menschen auf ihren Wegen begleiten und stets Helfer in der Not sind.

In diesem letzten Raum der Schatzkammer sind Objekte aus den Sammlungen Brühl und Dr. Frank vereint und demonstrieren auf solche Weise, wie glücklich sich beide Kollektionen durchdringen und ergänzen.
   

   
   
       
           
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