SCHATZKAMMER SCHLOSS LICHTENWALDE
ZWISCHEN DEN WELTEN
Ahnenkult und Geisterglaube in Westafrika
(Die Sammlung Dr. Walter A. Frank)


RAUM 24
Das zweite Gesicht

Die meisten Menschen verbinden mit Afrika ein geheimnisvolles Maskenwesen – ja sehen in ihm geradezu ein Synonym für die Kultur des schwarzen Kontinents.
Tatsächlich fand und findet man Masken bei allen wichtigen Anlässen, so etwa bei den Initiationsriten (Aufnahme in die Erwachsenengesellschaft), Fruchtbarkeitstänzen, Totenfeiern und Beerdigungen. Die Maske stellt eine Verbindung zwischen den Lebenden und der Geisterwelt her. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass die Maske einen Geist nicht nur darstellt, sondern ihn tatsächlich verkörpert. Geister können gewissermaßen in Form von Maskierten in Erscheinung treten, die deren Willen verkünden: der Geist spricht durch die Maske. Mit Hilfe von Zaubermedizinen werden Masken ‘zum Leben erweckt’. In der Regel gehören die afrikanischen Masken zum Besitz der Männerbünde, in denen sie für Ritualzwecke benutzt werden. Diese kultischen Handlungen geschehen oft im Verborgenen, sind also streng von den noch nicht in den Kreis der ‘Geheimnisträger’ Aufgenommenen abgeschirmt. Es gibt in geringem Maße auch Geheimbünde für Frauen in Afrika, die dann ebenfalls eigene Masken verwenden. Das furchterregende Aussehen mancher Masken dient nicht dem Erschrecken von Feinden, sondern soll Hexen und böse Geister vertreiben. In anderen Fällen treten die Masken im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsriten auf, etwa die Antilopenmasken der Bambara in Mali. Schließlich gibt es auch Masken, die für Theateraufführungen dienen, in denen ethnienspezifische Mythen vorgestellt werden.
Leider kommen uns Masken im Museum nur fragmentarisch entgegen, auch wenn die Eigenwilligkeit ihres Ausdrucks, der Reiz des Fremdartigen und die Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer zutiefst beeindrucken. Ohne das meist zugehörige Kleid aus Blättern und Fasern, ohne den tanzenden Maskenträger und ohne die rhytmischen Trommelklänge und Gesänge wird eine Maske immer nur Teil eines großen Ganzen sein.




RAUM 25
Schitzkunst der Senufo

Kunst aus Westafrika ist vor allem Skulptur. Als Werkstoff dient den Bildhauern meistens einheimisches Holz. Aufgrund des Klimas und des Angriffs von Termiten und anderen zerstörenden Insekten haben sich Holzkunstwerke aus frühen Zeiten nicht oder kaum in Westafrika erhalten. Da man erst Ende des 19. Jahrhunderts in europäischen Museen systematisch begann, ethnographische Belegstücke aus Afrika zu schätzen und zu sammeln, sind die meisten hölzernen Museumsobjekte nicht älter als etwa 150 Jahre.
Die auf dem nördlichen Gebiet der heutigen Republik Elfenbeinküste, im Süden Malis und im Westen Burkina Fasos siedelnden Senufo sind Bauern, die vor allem Feldbau in der Savanne sowie Viehhaltung betreiben. Insgesamt schätzt man die Ethnie auf drei Millionen Menschen.
Ihre Holzkünstler sind berühmt für die Fertigung von fein geschnitzten Holzmasken für den Totenkult, „Feuerspei“-Masken zum Vertreiben böser Geister und Hexen sowie ritueller Stampfer für die Initiationsfeste oder Totenfeiern.
Eine herausragende Rolle im Leben der Senufo spielten der Poro-Geheimbund und sein weibliches Gegenstück Tyekpa, die als Hauptauftraggeber von Skulpturen auftraten.
Niemals fertigten die Senufo figurale Porträts Lebender an, da dies nach ihrem Verständnis einen Fluch über den dargestellten Mann oder im Falle einer Frau Sterilität auslösen würde.
In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts fielen besonders viele Kultobjekte der Senufo der Vernichtung anheim, weil mit Aufkommen des so genannten Massa-Kultes eine Abkehr von den alten Riten erfolgte und ein regelrechter ‘Bildersturm’ heraufbeschworen wurde.
Dies war Gelegenheit für viele westliche Händler und Sammler, authentische Stücke direkt vor Ort zu erwerben, die bereits eine Geschichte aufwiesen und nicht im Sinne des Souvenirgeschäftes für den Tourismus gefertigt worden waren.














RAUM 26
Grabkeramiken der Akan

Bei den Akan-Völkern der westafrikanischen Region, die auf dem Territorium der heutigen Staaten Ghana und Elfenbeinküste siedelten, gab es religiöse Aspekte in der Töpferei, die tief in deren Bewusstsein verwurzelt waren. Zwischen der Menschwerdung und dem Modellieren mit Ton bestanden nach traditionellen Vorstellungen weit reichende Gemeinsamkeiten, setzte sich doch auch der Mensch aus erdigen Bestandteilen zusammen, die mit Wasser vermischt zum Leben erwachten und nach dem Tode zerfielen und der Muttererde zurück gegeben wurden. Asase, die Erdgöttin, fungiert als Herrscherin des Totenreiches und als Friedensgöttin – sie musste das Blut der im Kampf getöteten Krieger aufnehmen. Über 400 Jahre reicht die Tradition der Akan-Grabkeramik zurück, denn bereits 1602 berichtete der holländische Afrikareisende Pieter de Marees von ihr. 1853 schrieb der Missionar Brodie Cruickshank: „Sie formen Bilder aus Lehm und backen sie. Wir fanden in manchen Gegenden recht sonderbare Gruppen solcher Bilder. Stirbt ein großer Mann, stellen sie ihn inmitten seines Hofstaates dar, umgeben von seinen Frauen und Dienern.“ Bis in die Jetztzeit lebt die Tradition an einigen wenigen Orten weiter.
Nur bei den Begräbnissen gesellschaftlich führender Personen kamen figürliche Keramiken zur Aufstellung, die dann von Fall zu Fall Könige, Königinmütter, Wahrsager und Häuptlinge – manchmal im Kreise ihrer Diener, Sklaven und Gefolgsleute – wiedergaben.
Den ‘einfachen’ Menschen widmete man zur Erinnerung so genannte Familien-Töpfe. Allen keramischen Gedenkobjekten wurde große Ehrfurcht entgegen gebracht; ihre Beschädigung oder Zerstörung kam einer Beleidigung der Erdgöttin Asase gleich.
Nicht selten wurden die Grabkeramiken zunächst öffentlich gezeigt oder sogar in einer Sänfte durch den Ort getragen, bevor sie ihren Platz auf dem Friedhof fanden. Es war den älteren Frauen vorbehalten, diese Keramiken zu formen, da es eine Frau gewesen sein soll, die vor Urzeiten göttliche Unterweisungen im Töpfern empfing.





RAUM 27
Häuptlinge und Könige

In Westafrika bestanden einerseits Gesellschaften, die keine zentrale Autorität kannten, andererseits aber auch und vor allem Völker mit zentralisierten Herrschaftsformen.
Obwohl das königliche Amt in Afrika traditionell durch Götter und Ahnen geschützt ist, war selbst der König vom Wohlwollen seiner mächtigen Würdenträger oder Priester abhängig, denn gegen diese Kräfte ließ sich nicht regieren. Auch vom Volk wurden die Könige nur respektiert, wenn sie ihre Entscheidungen von den Bedürfnissen und Wünschen der einfachen Menschen abhängig machten. Der König oder Häuptling als oberster Heerführer war vom Erfolg oder Mißerfolg seiner Kriegszüge abhängig. Macht und Einfluss konnten sich ins Gegenteil verkehren, wenn ihm Anerkennung durch ‘sein’ Volk versagt wurde.
Die göttliche Legitimation des Königs diente dazu, ihm Distanz zu den Untergebenen zu verschaffen. Königen wurden göttliche Kräfte zugesprochen, so dass bereits der Kontakt mit ihnen für den Normalsterblichen gefährlich war. Deshalb residierten die Könige gottgleich und abgeschirmt im Inneren ihrer Paläste.
Aber auch kleinere Stammesfürsten besaßen Macht und Autorität, was durch Kleidung und Insignien zum Ausdruck gebracht wurde. Elfenbein etwa diente zur Herstellung von Schmuck, Repräsentationsgeschenken oder Blashörnern. Gold war Ausdruck und Quelle von Macht zugleich. Für die Ashanti-Könige beispielsweise – die wohlhabendsten Könige Westafrikas – gehörte der Goldhandel zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Einzigartig ist die mit dem Goldgeschäft verquickte Kultur der Goldstaubgewichte. Etwa 900 dieser in geometrischen oder figürlichen Formen ausgeführten Gewichte bilden einen besonderen Schatz der Lichtenwalder Afrika-Sammlung. Jedes Gewicht ist ein Unikat, da die Technik der „verlorenen Form“ keine Serienfertigung erlaubte. Jedem Gewicht entspricht tatsächlich ein konkretes ‘Gewicht’, denn durch die Vielzahl der islamischen und europäischen Handelspartner wurden zahlreiche unterschiedliche Wiegeeinheiten benötigt.













RAUM 28
Die Welt der Yoruba

Ähnlich wie die Senufo und Akan sind auch die Yoruba mit zahlreichen Objekten in der Lichtenwalder Sammlung vertreten, weshalb ihnen ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet ist.
Bei den Yoruba handelt es sich um die zahlenstärkste Ethnie südlich der Sahara. Ursprünglich gab es zahlreiche Stadtstaaten, die ein gemeinsames kulturelles und religiöses Band zusammen hielt. Von den nordafrikanischen Berbern wurden vermutlich schon im 14. Jahrhundert und von den Portugiesen im 17. Jahrhundert Pferde eingehandelt, die den Ruf der Yoruba als gefürchtete Reiterstreitmacht in Westafrika begründet haben.
Die Yoruba-Mythen sehen in der alten Königstadt Ife den Ursprung der Menscheit. Ihre Glanzzeit hatte diese Stadt um 1300. Der Ahnvater der Yoruba ist Odudawa, dessen Söhne und Töchter die Könige der verschiedenen Yoruba-Königreiche geworden sein sollen.
Den Yoruba ist ein ganzer Kosmos göttlicher Gestalten zu eigen, von denen über 400 namentlich bekannt sind. Diese Komplexität lässt vergleichsweise an die Götterwelt der alten Griechen denken. An der Spitze der Götterwelt steht ein Hochgott, der jedoch wie so oft in den afrikanischen Religionen nicht bildlich dargestellt, sondern als göttliches Prinzip verstanden wird. Unter ihm stehen sechzehn Hauptgötter (orisha), für deren Verehrung die Yoruba spezielle Kultformen entwickelt haben. Zu den bekanntesten und am häufigsten dargestellten Göttern zählen der Gewittergott Shango und der schalkhafte Gott Eshu, den eine zipfelmützenartige Kopfbedeckung kennzeichnet. Eshu fungiert als ein Bote zwischen den Welten, also dem Diesseits und dem Jenseits.
Dem Mythos nach schufen die sechzehn Hauptgötter die Welt. Odudawa warf einen Berg Sand vom Himmel und schickte einen mythischen Hahn, der auf dem Sand zu scharren begann. Dadurch erweiterte sich das Land und wurde zur Erde, die sich später mit zahlreichen Wesen bevölkerte.



RAUM 29
Geister und Ahnen

Das Leben der afrikanischen Naturvölker war durchdrungen von der Verehrung und dem Miteinander mit Naturgeistern, Ahnen und Göttern sowie den Riten der Wahrsager, Heiler und Priester. Man glaubte an die Seele in allen Dingen der Natur. Das menschliche Leben sah man als ‘Durchgangsstation’, den Tod als Übergang in die Welt der Ahnen. Diese waren allgegenwärtig und schützend, solang man sie durch Opfer und rituelle Handlungen ehrte und ihrer gedachte. Begräbnisrituale waren sehr wichtig, um dem Geist des Verstorbenen einen reibungslosen Fortgang in die jenseitige Welt der Ahnen zu ermöglichen.
Wahrsager sind diejenigen Auserwählten, die mit den Geistern Verbindung aufnehmen können. Sie treten als Mittler zwischen der Alltagsrealität und der transzendenten Welt auf, sie sind Träger und Übermittler von Anthropologie, Kosmologie und Religion. Sie sind bei den Initiationsriten, bei den Geburten und beim Sterben dabei. Ihnen obliegt auch die Sorge für die Verstorbenen, also die Ahnen. Kleine Figuren dienen für unterschiedlichste Rituale in den afrikanischen Gesellschaften, nicht immer sind mit ihnen nur Ahnen gemeint. Die Baule z.B. glauben, dass jeder Mann einen weiblichen Seelenteil besäße und jede Frau einen männlichen. Dieser geisthafte Seelenteil in einer parallelen Jenseitswelt wurde mit einer Statue symbolisiert, der man opferte, um ihn stets ‘bei guter Laune’ zu halten. Als Opfer fungierten unterschiedliche Gaben, wie z.B. Tierblut und Kolanüsse. Für letztere konnten aufwändige Behälter geschnitzt werden.
Bei den Ashanti band man unfruchtbaren Frauen kleine Fruchtbarkeitsfiguren auf den Rücken, die auf Anweisung eines Priesters geschnitzt und einer Gottheit geweiht worden waren. Auf diese Weise glaubte man die Unfruchtbarkeit zu überwinden. Die Figuren wurden geherzt und gefüttert, als wären sie echte Kinder.
Als Besonderheit der Lichtenwalder Sammlung dürfen das Ritualhemd der Maninka, welches für den Jagdzauber verwendet wurde, und die Gerätschaften und Figuren eines Wahrsagers der Lobi gelten.


RAUM 30
Magisches Metall

Das Schmelzen, Legieren, Gießen und Schmieden von Eisen, Kupfer, Zinn, Zink und Gold zum Zwecke der Herstellung von Schmuck, Primitivgeld, Gewichten oder Kultobjekten hat in Westafrika eine lange Tradition.
Viele Objekte aus Messing (Legierung aus Kupfer und Zink) oder Bronze (Legierung aus Kupfer und Zinn), die das europäische Auge bestenfalls als Schmuckstücke ansieht, haben in Afrika magische Funktionen. Arm- oder Fußreifen, Anhänger oder Ringe sollen ihren Träger vor vielen Gefahren schützen, wie etwa Skorpion- und Schlangenbissen oder den ‘bösen Blick’.


   

   
   
       
           
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